🧑 Kapitel 1 – Wer bin ich? Identität

LER Klasse 7 · Berlin/Brandenburg · Themenfeld 3.1

1. Was ist das Fach LER?

LER steht für Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde. Es ist ein überkonfessionelles Schulfach in Berlin und Brandenburg. Im LER-Unterricht stellt ihr euch grundlegende Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was soll ich tun? Wie will ich leben? Wie gehen Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen miteinander um?

🏭 L – Lebensgestaltung

Wie gestalte ich mein Leben? Identität, soziale Beziehungen, Selbsterkenntnis, Bewältigung von Herausforderungen. Bezug: Psychologie und Sozialwissenschaften.

⚖️ E – Ethik

Was ist moralisch richtig oder falsch? Wie begründe ich meine Entscheidungen? Ethische Theorien, Dilemmata, moralisches Urteilen. Bezug: Philosophie.

☁️ R – Religionskunde

Was glauben Menschen? Welche Religionen gibt es? Religiöse Rituale, Symbole, Weltanschauungen. Bezug: Religionswissenschaft. Bekenntnisfrei.

2. Identität – Wer bin ich?

Die Frage nach der eigenen Identität ist eine der grundlegendsten Fragen des menschlichen Lebens. Sie beschäftigt Philosophen seit Jahrtausenden und stellt sich jedem Menschen neu – besonders in der Pubertät.

2.1 Was gehört zur Identität?

Identität (lat. idem = derselbe): Das, was einen Menschen zu dem macht, der er ist. Identität umfasst:
Name & Herkunft Woher komme ich? Welche Familie habe ich?
Körper & Aussehen Wie sehe ich aus? Wie fühlt sich mein Körper an?
Charaktereigenschaften Was für ein Mensch bin ich? Stärken und Schwächen
Werte & Überzeugungen Was ist mir wichtig? Woran glaube ich?
Interessen & Fähigkeiten Was kann ich gut? Was begeistert mich?
Soziale Rollen Kind, Schüler/in, Freund/in, Geschwister
Zugehörigkeit Zu welchen Gruppen gehöre ich?

2.2 Innenperspektive vs. Außenperspektive

Innenperspektive (Selbstbild)Außenperspektive (Fremdbild)
Wie ich mich selbst wahrnehmeWie andere mich wahrnehmen
"Ich bin schüchtern""Du wirkst auf mich ruhig und überlegt"
Oft idealisiert oder selbstkritischKann positiv überraschend sein
Basiert auf inneren GefühlenBasiert auf beobachtbarem Verhalten
Nur du selbst kennst sie vollständigAndere sehen oft, was wir nicht sehen
Philosophischer Hintergrund: Der griechische Philosoph Sokrates sagte: "Erkenne dich selbst!" (griech. "Gnothi seauton"). Dieser Satz stand am Tempel von Delphi. Sokrates meinte: Nur wer sich selbst kennt, kann gut leben und richtig handeln. Die Selbsterkenntnis ist Grundlage allen Wissens.

2.3 Identität entwickelt sich

Identität ist kein festes Ding, das man hat oder nicht hat. Sie entwickelt sich ständig weiter. Der Psychologe Erik H. Erikson (1902–1994) beschrieb die menschliche Entwicklung in acht Lebensphasen, jede mit einer Kernaufgabe:

Phase / AlterKernaufgabePositive Entwicklung
Säugling (0–1 J.)Urvertrauen vs. UrmisstrauenHoffnung, Grundvertrauen
Kleinkind (1–3 J.)Autonomie vs. SchamWille, Eigenständigkeit
Vorschule (3–6 J.)Initiative vs. SchuldgefühlZielstrebigkeit
Schulalter (6–12 J.)Fleiß vs. MinderwertigkeitKompetenz, Leistungsgefühl
Jugend (12–18 J.)Identität vs. RollendiffusionTreue, klare Identität
Frühes ErwachsenenalterIntimität vs. IsolationLiebe, tiefe Beziehungen
Mittleres ErwachsenenalterGenerativität vs. StagnationFürsorge für andere
Hohes AlterIntegrität vs. VerzweiflungWeisheit, Lebensakzeptanz

3. Mein Lebensweg

3.1 Erwachsenwerden als Prozess

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein ist keine klare Grenze, sondern ein Prozess. In verschiedenen Kulturen gibt es Initiationsriten – Rituale, die diesen Übergang markieren und feiern.

Initiationsriten weltweit:
Bar/Bat Mizwa Jüdisch: Jungen (13) und Mädchen (12) werden religiös volljährig – erste Tora-Lesung in der Synagoge
Konfirmation Evangelisch: Jugendliche bekennen sich öffentlich zum christlichen Glauben
Firmung Katholisch: Sakrament, das die Taufe vervollständigt – Empfang des Heiligen Geistes
Jugendweihe Säkulare Tradition in der DDR, heute noch in Ostdeutschland verbreitet
Rumspringa Amisch: Jugendliche dürfen die Außenwelt kennenlernen bevor sie sich entscheiden
Quinceañera Lateinamerikanisch: Fest für Mädchen zum 15. Geburtstag

3.2 Woran orientiere ich mich?

Menschen brauchen Orientierung auf ihrem Lebensweg. Diese kann kommen aus:

3.3 Selbstverwirklichung und Lebenssinn

Abraham Maslow (1908–1970) – amerikanischer Psychologe – entwickelte die Bedürfnispyramide: Menschen haben Bedürfnisse in einer Hierarchie. Erst wenn Grundbedürfnisse erfüllt sind, streben Menschen nach höheren Zielen:

▲ Selbstverwirklichung (eigene Potenziale entfalten)
▲ Wertschätzungsbedürfnisse (Anerkennung, Respekt)
▲ Soziale Bedürfnisse (Liebe, Zugehörigkeit)
▲ Sicherheitsbedürfnisse (Schutz, Stabilität)
▲ Physiologische Bedürfnisse (Essen, Schlafen, Wärme)

4. Übungen – Identität

🧠 Multiple Choice – Identität und Selbst (14 Fragen)
Frage 1 von 140 %

1. Was versteht man unter "Identität"?

🧠 Multiple Choice – Lebensgestaltung und Orientierung (14 Fragen)
Frage 1 von 130 %

1. Was ist eine "Weltanschauung"?

✏️ Lückentext: Das Fach LER
LER steht für –Ethik–. Das Fach wird unterrichtet – also ohne religiöse Einflussnahme. Die drei Dimensionen sind gleichberechtigt: L steht für Lebensweltfragen, E für (moralisches Handeln) und R für religionskundliches Wissen. Die Kernkompetenz des Faches heißt .
✏️ Lückentext: Identität und Erikson
Der Psychologe beschrieb die menschliche Entwicklung in acht Lebensphasen. Die für Jugendliche zentrale Phase ist "Identität vs. ". Wer keine klare Identität entwickelt, leidet unter Rollendiffusion. Das Modell der stammt von Abraham Maslow. Die höchste Stufe ist die .
✏️ Lückentext: Initiationsriten
Rituale die den Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt markieren heißen . Im Judentum wird die religiöse Mündigkeit durch die (bei Jungen) gefeiert. Im Christentum gibt es Konfirmation (evangelisch) und (katholisch). Die säkulare Tradition in Ostdeutschland heißt .
✏️ Lückentext: Sokrates und Selbstkenntnis
Der griechische Philosoph lebte ca. 470–399 v. Chr. in Athen. Sein berühmter Satz lautet: "Erkenne dich !" Er stand am Tempel von . Sokrates lehrte durch Fragen – diese Methode nennt man die Methode. Er glaubte, dass die Grundlage allen Wissens ist.
✅✗ Richtig oder Falsch: Identität und Selbst

1. Identität ist bei der Geburt festgelegt und ändert sich im Laufe des Lebens nicht.

2. Das Selbstbild und das Fremdbild einer Person stimmen immer überein.

3. LER wird bekenntnisfrei unterrichtet – also ohne religiöse Einflussnahme oder Bekenntnis.

4. Nach Maslow ist Selbstverwirklichung das grundlegendste menschliche Bedürfnis.

5. Sokrates wurde wegen der Verführung der Jugend und Gotteslästerung in Athen zum Tode verurteilt.

6. Initiationsriten sind ausschließlich religiöser Natur.

✅✗ Richtig oder Falsch: Werte und Orientierung

1. Toleranz bedeutet, alle Meinungen und Handlungen als gleichwertig zu akzeptieren.

2. Nilhilismus bezeichnet die Überzeugung dass das Leben keinen objektiven Sinn hat.

3. Spiritualität ist immer mit einer bestimmten Religion verbunden.

4. Werte sind angeboren und können sich im Leben nicht verändern.

5. Im LER-Unterricht gilt das Überwältigungsverbot – Lehrkräfte dürfen ihre Überzeugungen nicht als einzig richtige darstellen.

🔄 Zuordnung: Aspekte der Identität

Ziehe die Begriffe auf die richtige Erklärung oder tippe erst auf Begriff, dann auf Ziel.

Begriffe
Selbstbild
Fremdbild
Werte
Soziale Rollen
Identitätskrise
Autonomie
Erklärungen
Wie andere mich wahrnehmen – ihre Außenperspektive auf mein Verhalten
Wie ich mich selbst wahrnehme – meine Innenperspektive auf mein Ich
Erwartungen und Verhaltensweisen die mit bestimmten Positionen verbunden sind
Grundsätze die bestimmen was mir wichtig ist und wie ich handle (z. B. Ehrlichkeit)
Phase der Unsicherheit und Neuorientierung bei der bisherige Identitätsvorstellungen infrage gestellt werden
Fähigkeit selbstbestimmt zu denken und zu handeln – eigene Entscheidungen zu treffen
🔄 Zuordnung: Initiationsriten und Traditionen

Ziehe die Begriffe auf die richtige Erklärung oder tippe erst auf Begriff, dann auf Ziel.

Begriffe
Bar/Bat Mizwa
Konfirmation
Firmung
Jugendweihe
Quinceañera
Rumspringa
Erklärungen
Katholisches Sakrament das die Taufe vervollständigt und den Heiligen Geist gibt
Lateinamerikanisches Fest für Mädchen zum 15. Geburtstag – Übergang zur Frau
Evangelisch-christliches Bekenntnis zum Glauben – ergänzt die Taufe im Jugendalter
Jüdisches Ritual der religiösen Mündigkeit: Jungen mit 13, Mädchen mit 12 Jahren
Amische Tradition: Jugendliche erkunden die Außenwelt bevor sie sich für die Gemeinschaft entscheiden
Säkulare ostdeutsche Tradition ohne religiösen Bezug – Übergang ins Erwachsensein
🔄 Zuordnung: Philosophen und ihre Ideen zur Identität

Ziehe die Begriffe auf die richtige Erklärung oder tippe erst auf Begriff, dann auf Ziel.

Begriffe
Sokrates
Erikson
Maslow
Sartre
Viktor Frankl
Aristoteles
Erklärungen
Eudaimonia: Glück als gelingendes, tugendgemäßes Leben – nicht bloßes Lustgefühl
Bedürfnispyramide: von physiologischen Grundbedürfnissen bis zur Selbstverwirklichung
"Existenz geht der Essenz voraus" – der Mensch schafft sich durch Entscheidungen selbst
Acht Phasen der Identitätsentwicklung – Jugendalter als kritische Identitätsphase
"Erkenne dich selbst!" – Selbsterkenntnis als Grundlage allen Wissens
Logotherapie: Sinn als primäres menschliches Bedürfnis – "Der Mensch sucht Bedeutung"
🔄 Sortieren: Maslows Bedürfnispyramide (von unten nach oben)

Bringe die Elemente in die richtige Reihenfolge – verschieben oder Pfeile nutzen.

Wertschätzungsbedürfnisse: Anerkennung, Respekt, Prestige, Selbstwertgefühl
Physiologische Bedürfnisse: Essen, Trinken, Schlafen, Wärme, Atmen
Selbstverwirklichung: eigene Potenziale entfalten, Wachstum, Sinnerfüllung
Soziale Bedürfnisse: Liebe, Zugehörigkeit, Freundschaft, Gemeinschaft
Sicherheitsbedürfnisse: Schutz, Stabilität, Ordnung, Freiheit von Angst
🔄 Sortieren: Identitätsentwicklung nach Erikson – Lebensphasen

Bringe die Elemente in die richtige Reihenfolge – verschieben oder Pfeile nutzen.

Schulkind: Fleiß vs. Minderwertigkeitsgefühl (6–12 Jahre)
Vorschulkind: Initiative vs. Schuldgefühl (3–6 Jahre)
Kleinkind: Autonomie vs. Scham und Zweifel (1–3 Jahre)
Hohes Alter: Integrität vs. Verzweiflung
Junger Erwachsener: Intimität vs. Isolation
Mittleres Erwachsenenalter: Generativität vs. Stagnation
Säugling: Urvertrauen vs. Urmisstrauen (0–1 Jahr)
Jugendlicher: Identität vs. Rollendiffusion (12–18 Jahre)
🕑 Zeitstrahl: Geschichte des Identitätsbegriffs in der Philosophie

Bringe die Ereignisse in die richtige zeitliche Reihenfolge (ältestes zuerst).

🕑 1950: Erikson – Acht Phasen der Identitätsentwicklung
🕑 1943: Maslow – Bedürfnispyramide: Selbstverwirklichung als höchstes Ziel
🕑 1945: Sartre – Existenzialismus: "Existenz geht der Essenz voraus"
🕑 ca. 470–399 v. Chr.: Sokrates – "Erkenne dich selbst!" – Beginn der Selbstreflexion
🕑 17. Jh.: Descartes – "Cogito ergo sum" (Ich denke, also bin ich) – Selbstbewusstsein als Grundlage
🕑 1781: Kant – Kritik der reinen Vernunft: Vernunft und Autonomie als Basis der Identität
🕑 1905: Freud – Psychoanalyse: Unbewusstes als Teil der Identität (Es, Ich, Über-Ich)
🕑 ca. 384–322 v. Chr.: Aristoteles – Eudaimonia: Identität durch Tugend und gutes Leben
🔍 Fehler finden: Identität und Philosophie

In den folgenden Aussagen steckt jeweils ein Fehler. Finde den richtigen Begriff.

1. In Maslows Bedürfnispyramide steht die Selbstverwirklichung ganz unten als grundlegendstes Bedürfnis.

2. Sokrates wurde im antiken Rom wegen Gotteslästerung verurteilt.

3. Erikson beschrieb die Identitätsentwicklung in vier Lebensphasen.

4. Bar Mizwa ist ein islamisches Ritual der religiösen Mündigkeit für Jugendliche.

5. Identität ist ein rein biologisch bestimmtes Merkmal das durch die Gene festgelegt wird.

📚 Zitat analysieren: Sokrates über Selbsterkenntnis
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
— Sokrates (ca. 470–399 v. Chr.)

1. Was meint Sokrates mit diesem Aussage? Erkläre in eigenen Worten. (3 Punkte)

2. Welchen Bezug hat dieses Zitat zur Identitätsentwicklung von Jugendlichen? (3 Punkte)

3. Stimme oder widerspricht dem Zitat mit einem eigenen Argument. (3 Punkte)

⚖️ Dilemma: Authentizität oder Anpassung?
Situation: Mia ist 14 Jahre alt und gehört seit der 7. Klasse zu einer Clique. Die Gruppe hört alle denselben Musikstil und kleidet sich ähnlich. Mia merkt, dass sie eigentlich andere Musik mag und einen anderen Stil bevorzugt. Doch sie hat Angst, ausgeschlossen zu werden, wenn sie sich anders zeigt. Auf der anderen Seite fühlt sie sich zunehmend unwohl damit, eine "Fassade" zu spielen.

1. Was sind die Argumente dafür, dass Mia sich anpassen soll?

2. Was sind die Argumente dafür, dass Mia authentisch sein soll?

3. Welche Handlungsmöglichkeiten hat Mia? Welche würdest du ihr empfehlen und warum?

📝 Mini-Klausur: Identität (22 Punkte)

Gesamt: 22 Punkte

Aufgabe 1 (8 Punkte)

Was ist Identität? Nenne vier Aspekte die zur Identität gehören und erkläre je kurz. (8 Punkte)

Aufgabe 2 (6 Punkte)

Erkläre Eriksons Modell der Identitätsentwicklung. Welche Phase ist für Jugendliche besonders wichtig? (6 Punkte)

Aufgabe 3 (4 Punkte)

Was ist ein Initiationsritus? Nenne zwei Beispiele aus verschiedenen Kulturen. (4 Punkte)

Aufgabe 4 (4 Punkte)

Was versteht man unter dem "Überwältigungsverbot" im LER-Unterricht? (4 Punkte)

🕑 Flashcards: Identität und Selbst

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