🧑 Kapitel 1 – Wer bin ich? Identität und Rolle

Ethik Klasse 7/8 · Berlin/Brandenburg · Themenfeld 3.1

1. Das Ich als Aufgabe

Wer bin ich? Was macht mich einzigartig? Diese Fragen beschäftigen Menschen aller Kulturen und Epochen. Im Ethikunterricht untersuchen wir, wie Identität entsteht, wie sie sich verändert und welche Einflüsse sie prägen.

Identität ist das, was einen Menschen zu dem macht, wer er ist: ein zusammenhängendes Bild der eigenen Person aus Charakter, Werten, Erinnerungen, Beziehungen und Rollen. Identität ist kein festes Ding – sie entwickelt sich lebenslang.

Selbstwahrnehmung = wie ich mich selbst sehe (Innenperspektive)
Fremdwahrnehmung = wie andere mich sehen (Außenperspektive)
Beide weichen oft voneinander ab – daraus entstehen Missverständnisse, aber auch Chancen zur Selbstreflexion.

1.1 Das Schiff des Theseus – Was bleibt von mir, wenn sich alles ändert?

Gedankenexperiment – Schiff des Theseus: Das Schiff des Theseus wird Brett für Brett ersetzt, bis kein ursprüngliches Teil mehr vorhanden ist. Ist es noch dasselbe Schiff? Übertragen auf den Menschen: Wenn sich unsere Zellen, Überzeugungen, Freundschaften und Werte im Laufe des Lebens verändern – sind wir noch dieselbe Person wie mit 10 Jahren? Was macht Identität dauerhaft?

Philosophische Antworten auf die Frage nach der persönlichen Identität:

2. Identität und Rolle

Menschen spielen im Alltag viele verschiedene Rollen gleichzeitig: als Schüler/in, Kind, Freund/in, Geschwister, Sportler/in. Rollen sind gesellschaftliche Erwartungen an bestimmte Positionen.

BegriffErklärungBeispiel
RolleGesellschaftlich erwartetes Verhalten für eine PositionSchülerrolle: pünktlich, aufmerksam, Hausaufgaben machen
RollenkonfliktZwei Rollen haben widersprüchliche ErwartungenAls Freund schweigen vs. als Zeuge die Wahrheit sagen
RollendistanzBewusste innere Abgrenzung von einer Rolle„Ich bin zwar Schüler, aber das definiert mich nicht"
SelbstentfremdungWenn man in einer Rolle das echte Selbst verliertSich aus Anpassungsdruck anders verhalten als man ist
AutonomieSelbstgesetzgebung – eigene Entscheidungen treffenTrotz Gruppendruck bei der eigenen Meinung bleiben
Kant: Was ist Aufklärung? (1784)
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."
Kant fordert: Habe den Mut, deinen eigenen Verstand zu benutzen! (Sapere aude!)
Im Kontext der Identität: Echte Identität erfordert Autonomie – das Denken und Handeln aus eigener Vernunft, nicht aus bloßer Anpassung.

3. Geschlechtsidentität und Gesellschaft

Sex (biologisches Geschlecht): körperliche Merkmale
Gender (soziales Geschlecht): gesellschaftliche Rollen, Erwartungen, Verhaltensweisen
Geschlechteridentität: wie eine Person ihr eigenes Geschlecht innerlich erlebt

Gesellschaft prägt Geschlechterrollen durch Erziehung, Medien und Sprache. Frage: Welche Geschlechtererwartungen helfen mir? Welche schränken mich ein?

4. Freundschaft und Liebe

Aristoteles – drei Freundschaftsarten:
Nutzfreundschaft man braucht sich gegenseitig – endet wenn Nutzen entfällt
Lustfreundschaft gemeinsame Freude – endet wenn Spaß aufhört
Tugendfreundschaft man schätzt den anderen als Person – tiefste, dauerhafteste Form

Formen der Liebe (griechisch): Eros (romantisch), Philia (Freundesliebe), Agape (selbstlose Liebe), Storge (Familienliebe)

5. Glück und gelingendes Leben

KonzeptKernideeVertreter
EudaimoniaGlück als gelingendes, tugendgemäßes LebenAristoteles
HedonismusGlück als Lustgewinn und SchmerzfreiheitEpikur
Flow-ErfahrungGlück als völliges Aufgehen in einer TätigkeitCsikszentmihalyi
Haben vs. SeinGlück durch Sein (Wachstum), nicht durch BesitzenErich Fromm
Sinn als GlückGlück entsteht aus Sinnerfüllung, nicht aus LustViktor Frankl

6. Arbeit und Selbstverwirklichung

Hannah Arendts Unterscheidung der menschlichen Tätigkeiten:

7. Übungen – Identität und Rolle

🧠 Multiple Choice – Identität und Rolle (14 Fragen)
Frage 1 von 140 %

1. Was versteht man unter dem philosophischen "Schiff des Theseus"-Problem?

🧠 Multiple Choice – Glück, Freundschaft, Arbeit (14 Fragen)
Frage 1 von 130 %

1. Was ist der Hedonismus als Ethikkonzept?

✏️ Lückentext: Identität und Autonomie
Kant forderte in seiner Schrift "Was ist ?" den Mut, den eigenen zu benutzen. Der Begriff dafür lautet . Die Fähigkeit, sich selbst Gesetze zu geben, heißt bei Kant . Das Gegenteil – sich von anderen leiten zu lassen – heißt .
✏️ Lückentext: Freundschaft und Glück
Aristoteles unterschied drei Freundschaftsarten: , Lustfreundschaft und . Die höchste Form ist die Tugendfreundschaft, weil man den anderen als schätzt. Glück als gelingendes Leben nannte Aristoteles . Der Zustand völligen Aufgehens in einer Tätigkeit heißt nach Csikszentmihalyi.
✏️ Lückentext: Rollen und Identität
Gesellschaftlich erwartete Verhaltensweisen für bestimmte Positionen nennt man . Wenn zwei Rollen widersprüchliche Erwartungen stellen, spricht man von einem . Die bewusste innere Abgrenzung von einer Rolle heißt . Der biologische Aspekt des Geschlechts heißt , der gesellschaftliche .
✏️ Lückentext: Arbeit und Selbstverwirklichung
Hannah Arendt unterschied drei menschliche Tätigkeiten: , Herstellen und . Das aktive Leben nannte sie . Erich Fromm kritisierte den modernen -Modus und forderte den -Modus als Grundlage echten Glücks.
✅✗ Richtig oder Falsch: Identität

1. Das "Schiff des Theseus"-Gedankenexperiment handelt von einem echten historischen Schiff.

2. Aristoteles sah die Tugendfreundschaft als höchste Form der Freundschaft an.

3. Gender bezeichnet das biologische Geschlecht eines Menschen.

4. Kants "Sapere aude!" bedeutet "Habe den Mut, deinen eigenen Verstand zu benutzen!"

5. Eudaimonia bei Aristoteles bedeutet bloßes Lustgefühl und Vergnügen.

6. Nach Humes Gesetz (Sein-Sollens-Problem) kann man aus Tatsachen direkt moralische Gebote ableiten.

✅✗ Richtig oder Falsch: Freundschaft, Arbeit, Glück

1. Hannah Arendts "Vita activa" bezeichnet nur körperliche Arbeit.

2. Der "Flow"-Zustand nach Csikszentmihalyi tritt auf wenn Herausforderung und Fähigkeit im Gleichgewicht sind.

3. Erich Fromm sah die moderne Konsumgesellschaft positiv als Weg zur Selbstverwirklichung.

4. Rollendistanz bedeutet alle sozialen Rollen abzulehnen.

5. Das Paradox der Toleranz besagt dass man Intoleranz nicht tolerieren muss um Toleranz zu schützen.

🔄 Zuordnung: Freundschaftsarten bei Aristoteles

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Begriffe
Nutzfreundschaft
Lustfreundschaft
Tugendfreundschaft
Erklärungen
Basiert auf gegenseitigem Nutzen – endet wenn der Nutzen wegfällt
Man schätzt den anderen als Person und will sein Bestes – dauerhaft
Basiert auf gemeinsamer Freude – endet wenn der Spaß aufhört
🔄 Zuordnung: Glückskonzepte

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Begriffe
Eudaimonia (Aristoteles)
Ataraxie (Epikur)
Flow (Csikszentmihalyi)
Sein-Modus (Fromm)
Sinnerfüllung (Frankl)
Erklärungen
Glück als Seelenruhe und Abwesenheit von seelischem Schmerz
Glück als gelingendes, tugendgemäßes Leben – nicht bloßes Wohlgefühl
Glück durch Wachstum, Erleben und Teilen statt Besitz und Konsum
Glück als Folge eines als sinnvoll erlebten Lebens und Leidens
Glück als völliges Aufgehen in einer Tätigkeit bei passender Herausforderung
🔄 Zuordnung: Identitätsbegriffe

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Begriffe
Identität
Rolle
Rollenkonflikt
Rollendistanz
Autonomie
Selbstentfremdung
Erklärungen
Das was einen Menschen zu dem macht wer er ist – Charakter, Werte, Selbstbild
Fähigkeit sich durch eigene Vernunft selbst Gesetze zu geben (Kant)
Verlust des authentischen Selbst durch Anpassung an externe Erwartungen
Wenn zwei Rollen widersprüchliche Erwartungen stellen
Gesellschaftlich erwartetes Verhalten für eine bestimmte Position
Innere Abgrenzung von einer Rolle ohne sie aufzugeben
🔄 Sortieren: Maslows Bedürfnispyramide – von unten nach oben

Bringe in die richtige Reihenfolge – ziehen oder Pfeile.

Soziale Bedürfnisse (Liebe, Zugehörigkeit, Freundschaft)
Wertschätzungsbedürfnisse (Anerkennung, Respekt, Status)
Selbstverwirklichung (Potenziale entfalten, Wachstum)
Physiologische Bedürfnisse (Essen, Schlafen, Wärme)
Sicherheitsbedürfnisse (Schutz, Stabilität, Ordnung)
🔄 Sortieren: Geschichte der Identitätsphilosophie – chronologisch

Bringe in die richtige Reihenfolge – ziehen oder Pfeile.

1958: Arendt – Vita activa: Arbeiten, Herstellen, Handeln
ca. 380 v. Chr.: Aristoteles – Eudaimonia und Tugendfreundschaft
1690: Locke – Identität durch Bewusstsein und Erinnerung
1784: Kant – Sapere aude! Autonomie als Grundlage der Aufklärung
1990: Ricœur – Narrative Identität: Identität als Lebensgeschichte
1975: Csikszentmihalyi – Flow als Glückserfahrung
1976: Fromm – Haben oder Sein als Grundfrage modernen Lebens
🕑 Zeitstrahl: Milestones der Identitätsphilosophie

Bringe in die richtige zeitliche Reihenfolge (ältestes zuerst).

🕑 1975: Csikszentmihalyi – Flow-Konzept als Glücksforschung
🕑 1516: Thomas Morus – Utopia: ideale Gesellschaft als Identitätsrahmen
🕑 ca. 350 v. Chr.: Aristoteles – Eudaimonia und Tugendfreundschaft
🕑 1867: Marx – Entfremdung durch Arbeit in der Industriegesellschaft
🕑 1784: Kant – "Was ist Aufklärung?" – Autonomie und Mündigkeit
🕑 ca. 470 v. Chr.: Sokrates – "Erkenne dich selbst!" (gnothi seauton)
🕑 1976: Erich Fromm – Haben oder Sein
🕑 1958: Hannah Arendt – Vita activa: drei Grundtätigkeiten des Menschen
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1. Aristoteles sah die Nutzfreundschaft als höchste Form der Freundschaft.

2. Kants Slogan "Sapere aude!" bedeutet "Sei tapfer im Kampf!".

3. Gender bezeichnet das biologische, körperliche Geschlecht.

4. Hannah Arendt bezeichnete das körperliche Arbeiten als höchste menschliche Tätigkeit.

5. Eudaimonia bei Aristoteles bedeutet Lustgewinn und Schmerzfreiheit.

⚖️ Dilemma: Authentizität oder Anpassung?
Situation: Leon (15) gehört einer Clique an die Markenkleidung trägt und Rap hört. Privat interessiert er sich für klassische Musik und trägt lieber einfache Kleidung. Er traut sich nicht, das zu zeigen – Angst vor Ausschluss. Sein Ethik-Lehrer sagt: "Echtes Glück kommt aus Authentizität." Sein bester Freund sagt: "Anpassung ist soziale Intelligenz."

1. Welche ethischen Positionen vertreten der Lehrer und der Freund?

2. Was würde Kant raten? Was würde Aristoteles raten?

3. Was würdest du Leon raten? Begründe.

📝 Mini-Klausur: Identität und Rolle (18 Punkte)

Gesamt: 18 Punkte

Aufgabe 1 (4 Punkte)

Was ist das "Schiff des Theseus"-Problem und welche philosophische Frage über Identität stellt es? (4 Punkte)

Aufgabe 2 (6 Punkte)

Erkläre Aristoteles drei Freundschaftsarten und begründe warum die Tugendfreundschaft die höchste ist. (6 Punkte)

Aufgabe 3 (4 Punkte)

Was ist Kants Begriff der Autonomie und was hat er mit Identität zu tun? (4 Punkte)

Aufgabe 4 (4 Punkte)

Was meinte Erich Fromm mit dem Unterschied zwischen Haben und Sein? (4 Punkte)

🕑 Flashcards: Identität und Rolle

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