📚 Kapitel 5 – Literarische Texte erschließen

Deutsch · Rahmenlehrplan Berlin/Brandenburg · Klasse 7

1. Die drei literarischen Gattungen

Literarische Texte werden in drei große Gattungen eingeteilt, die sich in Form, Erzählweise und Wirkung unterscheiden.

GattungUnterformenMerkmalePerspektive
Epik (Erzähldichtung)Roman, Kurzgeschichte, Novelle, Fabel, Parabel, Märchen, Anekdote, MythosEin Erzähler berichtet; Handlung, Figuren, Zeit und Raum; Prosa oder VersErzählerperspektive (variabel)
Dramatik (Drama)Tragödie, Komödie, Tragikomödie, Drama, TheaterstückKein Erzähler; Dialog und Monolog; Akte und Szenen; Regieanweisungen; für Aufführung gedachtFiguren sprechen direkt
Lyrik (Gedichtung)Sonett, Ballade, Haiku, Elegie, Ode, Hymne, EpigrammVerdichtete Sprache; Vers und Strophe; Reimschema; Metrum; lyrisches Ich; starke BildlichkeitLyrisches Ich / lyrischer Sprecher

2. Epik: Erzählendes in der Schule

2.1 Die Kurzgeschichte

Kurzgeschichte (Short Story): Kurze, verdichtete Prosaform. Entstand in den USA (Poe, Hemingway), in Deutschland nach 1945 bedeutsam (Borchert, Böll). Typische Merkmale:
Offener Anfang Keine Vorgeschichte, direkt ins Geschehen (in medias res)
Offenes Ende Kein klarer Abschluss, lädt zur Reflexion ein
Reduktion Wenige Figuren, knappes Setting, ein zentraler Konflikt
Alltäglichkeit Banale Situation enthüllt tiefere Wahrheit
Sprachliche Dichte Jedes Wort zählt; Symbole, Andeutungen
Verknappung Auslassung (Ellipse) statt Erklärung
Textbeispiel: Wolfang Borchert „Das Brot“ (Auszug, 1946)

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still, und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was so besonders still gewesen war: sein Atem.

Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchentisch stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.

2.2 Erzählperspektiven

Die Wahl der Erzählperspektive bestimmt, wie viel der Leser erfährt und wie nah er den Figuren ist.

Erzählperspektiven im Überblick Auktoriale Perspektiveallwissender Erzählerweiß alles über alle"er/sie" – Distanz#A5D6A7Personale PerspektiveBeobachterperspektivenur was Figur sieht/denkt"er/sie" – nah#C8E6C9Ich-PerspektiveIch-Erzählernur eigene Wahrnehmung"ich" – sehr nah#A5D6A7Neutrale Perspektivekein Einblicknur Äußerlichkeiten (Film)"er/sie" – sehr fern#C8E6C9Wissensgrad: allwissend ←————————————————————→ kein Einblick
Abb. 5a: Die vier Erzählperspektiven. Auktorial: Erzähler kommentiert, bewertet, weiß alles. Personal: Kamera hinter den Augen einer Figur. Ich-Erzähler: Bericht aus eigener Erfahrung. Neutral: reiner Bericht ohne Einblick ins Innenleben (selten).
PerspektiveErkennungszeichenWirkungBeispiel
Auktorial"Er wusste nicht, dass sie..." / Kommentare des ErzählersÜberblick, Distanz, Ironie möglichThomas Mann, viele Romane des 19. Jh.
PersonalErlebte Rede: "Es war kalt. Was sollte er tun?"Nähe zur Figur, IdentifikationKafka, moderne Kurzgeschichten
Ich-Erzähler"Ich" als Erzähler, subjektiv, begrenztUnmittelbarkeit, AuthentizitätBildungsromane, Tagebuchromane
NeutralNur Handlung und Dialog, kein KommentarNüchternheit, Leser zieht SchlüsseHemingway-Stil, Drehbücher

2.3 Zeitstruktur in Erzähltexten

BegriffErklärungBeispiel
ErzählzeitZeit, die man zum Lesen des Textes braucht10 Minuten lesen
Erzählte ZeitZeitraum der im Text geschilderten Ereignisse10 Jahre Romanhandlung
ZeitdehnungErzählzeit > erzählte Zeit (Zeitlupe)Eine Sekunde auf 3 Seiten beschrieben
ZeitraffungErzählzeit < erzählte Zeit (Zeitraffer)"Drei Jahre vergingen..." (ein Satz)
RückblendeSprung in die Vergangenheit (Analepse/Flashback)Figur erinnert sich...
VorausschauSprung in die Zukunft (Prolepse)"Was er damals nicht ahnte..."
ZeitdeckungErzählzeit = erzählte Zeit (selten, oft Dialog)Wörtlicher Dialog in Echtzeit

3. Drama: Aufbau und Besonderheiten

Drama: Literarische Gattung für die Aufführung geschrieben. Kein Erzähler – die Figuren sprechen direkt. Eingeteilt in Akte und Szenen. Enthält Regieanweisungen (in kursiv oder eckigen Klammern). Wichtig: Figurenrede ist immer zu analysieren – was sagen Figuren, was meinen sie wirklich?

3.1 Das klassische Dramenmodell (Freytag'sches Dreieck)

Dramenaufbau nach Gustav Freytag (5-Akter) Exposition(Einführung)SteigendeHandlungHöhepunkt(Peripetie)FallendeHandlungKatastrophe /Lösung retardierendes Moment Tragödie: endet in Katastrophe   |   Komödie: endet in Auflösung/Hochzeit
Abb. 5b: Das Freytag'sche Dreieck. 5 Teile: (1) Exposition – Figuren und Situation einführen. (2) Steigende Handlung – Spannung aufbaut sich. (3) Peripetie/Höhepunkt – Wendepunkt. (4) Retardierendes Moment – kurze Verzögerung/Hoffnung. (5) Katastrophe (Tragödie) oder glückliche Auflösung (Komödie).
BegriffErklärung
ExpositionEinführung der Figuren, des Ortes, der Zeit und des Ausgangskonflikts
Steigende HandlungKonflikt verschärft sich, Spannung wächst
Peripetie (Höhepunkt)Wendepunkt der Handlung – ab hier kippt das Schicksal
Retardierendes MomentKurze Verzögerung, falsche Hoffnung vor dem Ende
Katastrophe / LösungTragödie: Untergang des Helden. Komödie: glückliche Auflösung.
Dialog / MonologZwiegespräch / Selbstgespräch einer Figur
Protagonist / AntagonistHaupt-/Gegenspieler – treiben den Konflikt voran

4. Lyrik: Gedichte verstehen und analysieren

Lyrik: Verdichtete Sprachkunst in Versen und Strophen. Das lyrische Ich (= der Sprecher im Gedicht) ist nicht gleichzusetzen mit dem Autor! Merkmale: Rhythmus, Klang, Bilder, komprimierte Aussage, oft mehrdeutig.

4.1 Reimschemata

Paarreimaabb

Je zwei benachbarte Zeilen reimen

a a b b

Kreuzreimabab

Zeilen wechseln sich im Reimen ab

a b a b

Umarmender Reimabba

Äußere Zeilen umschließen innere

a b b a

Schweifreimaabccb

Besondere 6-zeilige Form

a a b c c b

Freier Vers

Kein Reimschema, freier Rhythmus

— — — —

Waiseabc

Eine reimlose Zeile in sonst reimenden Strophen

a a b —

4.2 Metrum (Versmaß)

NameSchemaKlangBeispiel (betont = /, unbetont = ×)
Jambus× /aufsteigend, lebhaft× / × / × / – "er GEHT nach HAU se HEIM"
Trochäus/ ×fallend, wuchtig/ × / × / × – "RO sa SITZ te AUF dem STEIN"
Daktylus/ × ×tänzerisch, fließend/ × × / × × – "HEI li ge NACHT"
Anapäst× × /treibend, vorwärts× × / × × / – "und es GLÄNZT ihm der STERN"

4.3 Rhetorische Figuren

Metapherübertragene Bedeutung ohne Vergleichswort

"Das Leben ist ein Traum."

Wirkung: Bedeutungsebenen, Spannung zwischen Bild und Bedeutung

VergleichVerknüpfung mit "wie", "als"

"Er ist stark wie ein Bär."

Wirkung: Expliziter, transparenter als Metapher

PersonifikationLebloses bekommt menschliche Eigenschaften

"Der Wind seufzt."

Wirkung: Lebendigkeit, emotionalisiert Naturdarstellung

Alliterationgleicher Anlaut mehrerer Wörter

"Milch macht müde Männer munter."

Wirkung: Klangwirkung, Einprägsamkeit, Rhythmus

AnapherWiederholung am Satzbeginn

"Ich war müde. Ich war allein. Ich war fertig."

Wirkung: Eindringlichkeit, Emphase, Aufzählungseffekt

Ellipseausgelassene, grammatisch unvollständige Sätze

"Komme sofort."

Wirkung: Tempo, Knappheit, Unmittelbarkeit

Rhetorische FrageFrage die keine Antwort erwartet

"Hat das ein Ende?"

Wirkung: Appellwirkung, Betonung, Ironie möglich

Symbolkonkretes Bild für abstrakten Begriff

Taube = Frieden

Wirkung: Verdichtung, vielschichtige Bedeutung

Hyperbelstarke Übertreibung

"Ich habe dir tausendmal gesagt..."

Wirkung: Komik oder Emphase, emotionale Wirkung

IronieGegenteil des Gemeinten

"Toll, schon wieder Montag!"

Wirkung: Distanz, Kritik, Komik

KlimaxSteigerung von Wörtern/Aussagen

"Er kam, sah und siegte."

Wirkung: Steigerungseffekt, dramatische Wirkung

Oxymoronscheinbarer Widerspruch in einer Verbindung

"bitter-süß", "lebender Tod"

Wirkung: Paradoxie, Komplexität, Denkanstoß

4.4 Gedichtanalyse – Schritt für Schritt

Vorgehensweise bei der Gedichtanalyse:
1. Einleitung: Titel, Autor, Erscheinungsjahr, Gedichtform, Thema in einem Satz nennen.
2. Inhalt: Worum geht es? Was beschreibt das lyrische Ich? (kurze Inhaltsangabe, kein Strophe-für-Strophe-Nacherzählen!)
3. Form: Strophenanzahl, Versanzahl, Reimschema, Metrum (wenn erkennbar), Klangfiguren.
4. Sprache: Rhetorische Figuren benennen und deren Wirkung analysieren. Wortwahl kommentieren (Konnotation, Bildfelder).
5. Deutung: Was will das Gedicht aussagen? Welche Stimmung erzeugt es? Wie hängen Form und Inhalt zusammen?
6. Schluss: Eigene Einschätzung / Bezug zu Entstehungszeit oder heutiger Relevanz (optional).

5. Figurenanalyse und Figurenkonstellation

Figurenkonstellation: Das Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren eines literarischen Werkes. Wie stehen die Figuren zueinander? Wer ist Protagonist, wer Antagonist? Welche Konflikte entstehen durch die Konstellationen?

6. Übungen

🧠 Multiple Choice – Literarische Gattungen (14 Fragen)
Frage 1 von 140 %

1. Was ist die "Peripetie" im Drama?

🔄 Zuordnung: Rhetorische Figuren & Beispiele

Ziehe die Begriffe auf die richtige Definition (oder tippe auf Begriff, dann Definition).

Begriffe
Metapher
Alliteration
Anapher
Personifikation
Hyperbel
Ellipse
Klimax
Definitionen
"Er kam, sah und siegte." (aufsteigende Steigerung)
"Der Wind weint durch die Nacht." (Lebloses bekommt menschliche Eigenschaften)
"Komme sofort. Kein Problem." (Auslassung grammatisch notwendiger Teile)
"Milch macht müde Männer munter." (gleicher Anlaut mehrerer Wörter)
"Das Leben ist ein Traum." (direkte Bedeutungsübertragung ohne Vergleichswort)
"Ich hab dir tausendmal gesagt, dass..." (extreme Übertreibung)
"Ich kam. Ich sah. Ich siegte." (Wiederholung am Satzanfang)
🔄 Zuordnung: Gattungen und Textsorten

Ziehe die Begriffe auf die richtige Definition (oder tippe auf Begriff, dann Definition).

Begriffe
Kurzgeschichte
Sonett
Tragödie
Ballade
Parabel
Novelle
Komödie
Definitionen
Kurze Prosa, offener Anfang und Ende, ein Konflikt, Alltagssituation (Epik)
Kurze Erzählung die eine abstrakte Wahrheit in einem konkreten Bild zeigt (Epik)
Erzählendes Gedicht mit dramatischen Elementen und Refrain (Lyrik+Epik+Drama)
Drama das mit einer glücklichen Auflösung endet, oft humorvoll (Dramatik)
Drama das im Untergang des Protagonisten endet (Dramatik)
14 Verse, 2 Quartette + 2 Terzette, oft Jambus, strenge Form (Lyrik)
Mittellanges Prosawerk mit einer unerhörten Begebenheit als Kern (Epik)
✅✗ Wahr oder Falsch: Literatur

1. Das lyrische Ich ist immer identisch mit dem Autor des Gedichts.

2. Ein Drama hat keinen Erzähler – die Figuren sprechen direkt miteinander.

3. Die "Zeitraffung" bedeutet, dass der Erzähler sehr langsam und detailliert erzählt.

4. Der Kreuzreim folgt dem Schema abab.

5. Eine Metapher enthält immer das Wort "wie" oder "als".

📚 Textanalyse: Wolfgang Borchert – „Das Brot“ (Auszug)
Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still, und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was so besonders still gewesen war: sein Atem. [...] Später legte sie das Brot auf den Tisch zurück. Auch als er zurückgekommen war, lagen sie eine Weile ohne Schlaf. Dann sagte sie: "Du hättest ruhig mehr essen können." "Ich hatte keinen Hunger mehr", sagte er. "Du kannst es auch nachts essen", sagte sie nach einer Weile, "ich schlafe ja fest genug." "Ja", antwortete er, "das nächste Mal."

1. Aus welcher Perspektive wird in diesem Auszug erzählt? Belege deine Antwort mit einem Beispiel aus dem Text. (3 Punkte)

2. Analysiere die Sprache des Textes. Welche sprachlichen Mittel fallen auf und welche Wirkung haben sie? (4 Punkte)

3. Was sagt das Ende des Auszugs ("Du hättest ruhig mehr essen können...") über das Verhältnis der Eheleute aus? (3 Punkte)

🕑 Flashcards: Literaturwissen Klasse 7–10

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📝 Mini-Klausur: Literarische Texte erschließen

Gesamt: 14 Punkte

Aufgabe 1 (6 Punkte)

Was unterscheidet Epik, Dramatik und Lyrik? Nenne je eine Textsorte als Beispiel. (6 Punkte)

Aufgabe 2 (4 Punkte)

Erkläre die Erzählperspektive "personal" und grenze sie von der auktorialen ab. (4 Punkte)

Aufgabe 3 (4 Punkte)

Bestimme die rhetorische Figur und analysiere die Wirkung: "Der Mond schlich sich durch die Wolken." (4 Punkte)