💬 Kapitel 1 – Sprechen und Zuhören

Deutsch · Rahmenlehrplan Berlin/Brandenburg · Klasse 7

1. Kommunikation – was passiert wenn Menschen reden?

Jedes Gespräch, jede Nachricht, jedes Schweigen ist Kommunikation. Dabei läuft viel mehr ab als nur der Austausch von Wörtern. Linguisten und Psychologen haben Modelle entwickelt um zu verstehen warum Kommunikation manchmal gelingt – und warum sie oft scheitert.

Kommunikation (lat. communicare = mitteilen, teilen) bezeichnet den Austausch von Informationen, Gedanken, Gefühlen oder Absichten zwischen mindestens zwei Beteiligten. Sie erfolgt sprachlich (verbal), durch Stimme und Betonung (paraverbal) und durch Körpersprache (nonverbal).

1.1 Das Sender-Empfänger-Modell (Shannon & Weaver)

Das einfachste Modell: Eine Person (Sender) encodiert eine Botschaft und schickt sie über einen Kanal. Die andere Person (Empfänger) decodiert sie. Störungen können das Signal verfälschen.

Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation 👤 Sender encodiert Botschaft Kanal (Sprache, Schrift, Gestik...) ⚡ Störung / Rauschen möglich 👤 Empfänger decodiert Botschaft Feedback 👉 Kontext 👉 Absicht 👉 Wirkung
Abb. 1a: Kommunikation als Sender-Empfänger-Prozess. Wichtig: Was der Sender meint und was der Empfänger versteht, ist oft verschieden. Störungen (Missverständnisse, Ablenkung, Sprachbarrieren) können die Botschaft verfälschen. Feedback ermöglicht Klärung.

1.2 Das Vier-Ohren-Modell (Schulz von Thun)

Jede Äußerung enthält nach Friedemann Schulz von Thun vier Botschaften gleichzeitig. Sender und Empfänger betonen dabei oft unterschiedliche Ebenen – das führt zu Missverständnissen.

Die vier Seiten einer Nachricht:
1. Sachinhalt Was ist der faktische Inhalt? Worüber wird informiert?
2. Selbstoffenbarung Was sagt die Aussage über den Sprecher aus? (Gefühle, Bedürfnisse)
3. Beziehung Wie stehe ich zu dir? Was halte ich von dir?
4. Appell Was soll der Empfänger tun, denken oder fühlen?
"Die Ampel ist grün!" – Sagt jemand auf dem Beifahrersitz.
EbeneBotschaft
SachinhaltDie Ampel zeigt grünes Licht.
SelbstoffenbarungIch bin ungeduldig / ich will losfahren.
BeziehungDu fährst zu langsam / du bist unaufmerksam.
AppellFahr endlich los!

1.3 Ich-Botschaften vs. Du-Botschaften

Kommunikation kann anklagend oder offen sein. Du-Botschaften beschuldigen und erzeugen Widerstand. Ich-Botschaften teilen eigene Gefühle mit und fördern konstruktiven Dialog.

Du-Botschaft (Anklage)Ich-Botschaft (offen)
"Du hörst mir nie zu!""Ich fühle mich übergangen wenn meine Ideen nicht gehört werden."
"Du bist immer so laut!""Ich kann mich schlecht konzentrieren wenn es so laut ist."
"Du hast das schon wieder vergessen!""Ich bin enttäuscht, weil mir das sehr wichtig war."

2. Gespräche führen – Formen und Regeln

2.1 Gesprächsformen in der Schule

FormBeschreibungZiel
DiskussionOffenes Gespräch, alle können Beiträge einbringenMeinungsaustausch, gemeinsames Verstehen
DebatteZwei Seiten vertreten gegensätzliche Positionen strukturiertArgumente entwickeln, Überzeugungsarbeit
FishbowlInnerer Kreis diskutiert, äußerer Kreis beobachtetZuhören üben, Gesprächsstruktur lernen
RollendiskussionTeilnehmer übernehmen vorgegebene Rollen/PositionenPerspektivenwechsel, Empathie
PodiumsdiskussionExperten auf Podium diskutieren vor PublikumÖffentliches Sprechen, Moderation
KonfliktgesprächStrukturiertes Gespräch bei MeinungsverschiedenheitenKonfliktlösung, Kompromiss finden

2.2 Das Fishbowl-Gespräch

Beim Fishbowl-Gespräch sitzen wenige Schüler im inneren Kreis (dem "Aquarium") und diskutieren. Die anderen sitzen außen und beobachten. Ein freier Stuhl ermöglicht es Außenstehenden jederzeit teilzunehmen.

Fishbowl – Gesprächsstruktur Beobachtende (äußerer Kreis) 👤👤👤👤👤👤👤👤 ABC☐ = freier Stuhl Innerer Kreis: Diskutierende
Abb. 1b: Fishbowl-Methode. Im inneren Kreis diskutieren 3–5 Schülerinnen. Der freie Stuhl ermöglicht es jedem vom äußeren Kreis jederzeit beizutreten. Aufgabe des äußeren Kreises: aktiv zuhören, Beobachtungsaufgaben erfüllen.

3. Mündlich präsentieren

Eine gelungene Präsentation ist mehr als der Inhalt – Aufbau, Sprache, Körper und Medieneinsatz spielen zusammen.

Drei-Schritt-Aufbau einer Präsentation:
1. Einleitung (ca. 10–15 %): Thema vorstellen, Aufmerksamkeit wecken (Einstiegsfrage, Zitat, Anekdote), Gliederung ankündigen.
2. Hauptteil (ca. 70–75 %): Inhalt strukturiert darstellen, Argumente belegen, Fachbegriffe erklären, Beispiele einbauen.
3. Schluss (ca. 10–15 %): Zusammenfassung, Fazit, Ausblick, Raum für Fragen.

3.1 Paraverbale und nonverbale Kommunikation

BereichElementeTipps
Paraverbal
(Stimme)
Lautstärke, Tempo, Betonung, Pausen, IntonationVariieren statt monoton; Pausen setzen für Wirkung; nicht zu schnell sprechen
Nonverbal
(Körper)
Blickkontakt, Gestik, Mimik, Haltung, StandBlickkontakt halten (nicht Notizen ablesen); offene Körperhaltung; ruhig stehen
Verbal
(Sprache)
Wortwahl, Satzbau, Fachbegriffe, ÜbergängeStandardsprache; kurze Sätze; Überleitungen einbauen ("Kommen wir nun zu...")

3.2 Visualisierung und Medieneinsatz

4. Argumentation – überzeugend sprechen

Gute Argumente sind der Kern von Diskussion und Debatte. Ein überzeugendes Argument besteht immer aus mehreren Teilen.

Das dreigliedrige Argument:
These: Die Behauptung / Meinung („Hausaufgaben sollten abgeschafft werden.“)
Begründung: Warum ist das so? („Schüler brauchen nach dem Unterricht Erholungszeit...“)
Beispiel / Beleg: Konkrete Belege, Fakten, Studien („Eine Studie der Universität Tübingen zeigt...“)

4.1 Argumentationsstrategien

StrategieBeschreibungBeispiel
FaktenargumentBelegt mit Zahlen, Daten, Studien"Laut Statistik sind 60 % der..."
Normatives ArgumentBeruft sich auf Werte, Gesetze, Moral"Das Grundgesetz garantiert..."
AnalogieargumentVergleich mit ähnlichem Fall"In Schweden hat man gezeigt, dass..."
AutoritätsargumentBerufung auf Experten"Laut Prof. Müller..."
KonsequenzargumentFolgen aufzeigen"Wenn wir das nicht tun, wird..."
Gegenargument entkräftenEinwand aufgreifen und widerlegen"Zwar stimmt es, dass... jedoch..."

4.2 Sprachliche Mittel in der Argumentation

Nützliche Formulierungen:
Einleiten "Ich bin der Meinung, dass..." · "Meiner Ansicht nach..." · "Ich vertrete die These..."
Begründen "weil..." · "da..." · "denn..." · "Dies lässt sich damit erklären, dass..."
Belegen "So zeigt zum Beispiel..." · "Laut einer Studie..." · "Ein Beispiel dafür ist..."
Einschränken "Zwar... aber..." · "Einerseits... andererseits..." · "Allerdings..."
Fazit "Zusammenfassend lässt sich sagen..." · "Daher komme ich zu dem Schluss..."

5. Verstehend zuhören

Zuhören ist aktiv und kann gelernt werden. Aktives Zuhören bedeutet nicht nur zu schweigen – es bedeutet Verständnis zu signalisieren, Nachzufragen und das Gehörte zu reflektieren.

6. Feedback geben und annehmen

Konstruktives Feedback nach der WWW-Regel:
Wahrnehmen: Was habe ich beobachtet? (Ohne Bewertung) "Mir ist aufgefallen, dass du sehr schnell gesprochen hast."
Wirkung: Wie hat das auf mich gewirkt? "Dadurch war es für mich schwer zu folgen."
Wunsch: Was wäre besser? "Ich würde mir wünschen, dass du ein paar Pausen einbaust."
Regeln für Feedback-Empfänger:
✓ Zuhören ohne sofort zu rechtfertigen oder zu verteidigen
✓ Nachfragen wenn etwas unklar ist
✓ Danken (auch wenn Kritik unangenehm ist)
✓ Selbst entscheiden was man annimmt und was nicht

7. Übungen und Tests

🧠 Multiple Choice – Sprechen und Zuhören (14 Fragen)
Frage 1 von 140 %

1. Was versteht man unter "paraverbaler Kommunikation"?

✅✗ Wahr oder Falsch: Kommunikation

1. Beim Vier-Ohren-Modell sendet jede Nachricht gleichzeitig vier verschiedene Botschaften.

2. Eine Ich-Botschaft klagt den Gesprächspartner direkt an.

3. Paraverbale Kommunikation umfasst Gestik und Mimik.

4. Beim Fishbowl-Gespräch darf der äußere Kreis durch den freien Stuhl jederzeit am Gespräch teilnehmen.

5. Aktives Zuhören bedeutet hauptsächlich still zu sein und nichts zu sagen.

🔄 Zuordnung: Argument-Teile

Ziehe die Begriffe auf die richtige Definition (oder tippe auf Begriff, dann Definition).

Begriffe
These
Begründung
Beleg/Beispiel
Gegenargument
Entkräftung
Fazit
Definitionen
Das Warum: "...weil soziale Unterschiede durch Kleidung weniger sichtbar wären."
Konkreter Beweis: "In Großbritannien tragen 90% der Schüler Uniformen und berichten von weniger Mobbing."
Abschluss und Zusammenfassung: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vorteile überwiegen."
Widerlegung des Einwands: "...jedoch lässt sich Persönlichkeit durch viele andere Wege ausdrücken."
Die Behauptung oder der Standpunkt: "Ich bin der Meinung, dass Schuluniformen sinnvoll wären."
Einwand der anderen Seite: "Zwar schränken Uniformen die Individualität ein..."
🔄 Zuordnung: Kommunikations-Fachbegriffe

Ziehe die Begriffe auf die richtige Definition (oder tippe auf Begriff, dann Definition).

Begriffe
Paraphrasieren
Paraverbal
Nonverbal
Sachebene
Appell
Ich-Botschaft
Fishbowl
Definitionen
Stimmliche Elemente: Lautstärke, Tempo, Betonung, Pausen
Aussage die eigene Gefühle mitteilt ohne den anderen zu beschuldigen
Körpersprachliche Signale: Gestik, Mimik, Haltung, Blickkontakt
Der faktische Informationsgehalt einer Aussage
Das Gesagte mit eigenen Worten wiedergeben um Verständnis zu zeigen
Was der Empfänger einer Nachricht tun soll
Gesprächsmethode mit innerem Diskussionskreis und äußerem Beobachterkreis
🔄 Sortieren: Aufbau einer überzeugenden Rede

Bringe die Elemente in die richtige Reihenfolge. Klicken und ziehen oder Pfeile nutzen.

Erstes Argument mit Begründung und Beleg
Fazit und Zusammenfassung der Kernaussagen
Zweites Argument (stärkstes Argument an zweiter oder letzter Stelle)
Ausblick oder Appell an das Publikum
Gegenargument nennen und entkräften
Thema und eigene Position klar benennen
Einstieg: Aufmerksamkeit wecken (Frage, Zitat oder überraschende Aussage)
🕑 Flashcards: Kommunikations-Grundbegriffe

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🔄 Übung: Du-Botschaften in Ich-Botschaften umformulieren

Formuliere die folgenden Du-Botschaften als konstruktive Ich-Botschaft um. Beschreibe dein Gefühl + das beobachtbare Verhalten + die Wirkung auf dich.

1. "Du hörst mir nie zu!"

2. "Du bist immer so laut!"

3. "Du hast das schon wieder vergessen! Ich kann mich auf dich nicht verlassen!"

4. "Du bist so unhöflich!"

📚 Textanalyse: Kommunikationssituation analysieren
"Kannst du mir mal das Salz geben?", fragte Tom beim Abendessen. Seine Mutter antwortete nicht sofort, schaute ihn kurz an und reichte das Salz wortlos rüber. Tom murmelte "Danke" ohne aufzublicken. Sein Vater beobachtete die Szene und sagte: "Ihr beiden redet kaum mehr miteinander."

1. Analysiere die Kommunikationssituation: Wer kommuniziert mit wem? Auf welchen Ebenen des Vier-Ohren-Modells könnte man Toms Frage analysieren? (3 Punkte)

2. Was sagt die Reaktion der Mutter (wortloses Reichen, kurzer Blick) aus? Welche Botschaft könnte sie damit senden? (3 Punkte)

3. Was meint der Vater mit seiner Beobachtung? Welche Kommunikationsebene spricht er an? (4 Punkte)

📝 Mini-Klausur: Sprechen und Zuhören

Gesamt: 14 Punkte

Aufgabe 1 (6 Punkte)

Erkläre das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Analysiere den Satz "Du bist schon wieder zu spät!" auf allen vier Ebenen. (6 Punkte)

Aufgabe 2 (4 Punkte)

Was ist der Unterschied zwischen einer Du-Botschaft und einer Ich-Botschaft? Nenne je ein Beispiel und erkläre die Wirkung. (4 Punkte)

Aufgabe 3 (4 Punkte)

Beschreibe die Fishbowl-Methode. Wie ist sie aufgebaut und welche Kompetenzen fördert sie? (4 Punkte)